Carlos Ghosn, CEO von Renault & Nissan, zur Zukunft des Automobils

Derzeit findet in Paris die LeWeb 2010 statt. Die LeWeb ist die größte Internetkonferenz Europas und findet mittlerweile zum 5. mal statt. Eine der besten Präsentationen, aus automobiler Sicht, hatte in diesem Jahr Carlos Ghosn. Er ist CEO von Renault & Nissan. Neben Howard Stringer, dem CEO von Sony, ist er der einzige Nichtjapaner, der an der Spitze eines großen japanischen Konzerns steht. Dass er auf der LeWeb gesprochen hat ist umso erstaunlicher, da die Automobilbranche aus Sicht der Internetunternehmen derzeit nicht als äußerst innovative Branche gilt.

Carlos Ghosn begann seinen Vortrag mit einem Blick auf die Automobilbranche und der Feststellung, dass es der IT Branche gelungen ist, derzeit wesentlich innovativer zu wirken als die Automobilbranche. Zur Gründung von Renault vor über 100 Jahren, galt das Auto noch als Symbol der Moderne, dass ist derzeit nicht mehr der Fall. In Japan belegen Autos auf dem Interessenranking junger Erwachsener nur noch den 17. Platz hinter Produkten wie Handys und Computer. Um seine These zu untermauern, nannte Ghosn eine weitere Statistik, bei dieser wurden Franzosen im Alter von 25-35 Jahren befragt. 43 % der Befragten sehen beim Automobil derzeit mehr Nachteile als Vorteile, dass ist eine dramatische Entwicklung für die Automobilindustrie wenn sich dieser Trend fortsetzt. Nur in Entwicklungsländern (China, Indien) gilt das Automobil noch als eines der beliebtesten Produkte.

Ghosn führte weiter an, dass es in der Fahrzeugentwicklung und Produktion in der Vergangenheit keine großen Innovationen gab, wie sie beispielsweise im Web derzeit stattfinden. Die Ursache hierfür liegt vor allem darin, dass Hersteller das Risiko gescheut haben. Dies wird verständlich wenn man bedenkt, dass hinter der Entwicklung und Einführung des Renault Laguna Kosten von 2 Mrd. Euro stehen. So kam es, dass an den Fahrzeugen nur noch eine kontinuierliche Verbesserung stattgefunden hat, aber keine wirklichen neuen Innovationen ausprobiert wurden. Als Verbesserungen nennt Ghosn die Fahrerassistenzsysteme oder auch den Hybrid Antrieb. Das gleiche Bild bietet sich derzeit bei fast allen Fahrzeugherstellern.

Die gesamte Automobilbranche steht aber derzeit vor neuen Herausforderungen dazu zählen: der Umweltgedanke, die Ölpreisentwicklung und der wachsende Motorisierungsgrad. Derzeit gibt es etwa 1 Milliarde Fahrzeuge auf der Welt bis 2020 wird sich diese Zahl verdoppelt haben.

Die Zukunft sieht Ghosn in massenproduzierten, günstigen, CO2 neutralen Elektroautos. Um das voran zu bringen hat Renault & Nissan bisher 4 Mrd. Euro investiert. Das es für die neuen Elektroautos Interessenten gibt zeigt die Markteinführung des Nissan Leaf. Derzeit gibt es in den USA 250.000 Interessenten für das Fahrzeug, Nissan kann aber nur maximal 20.000 davon im Jahr bauen. Ein ähnliches Bild gibt es auch in Japan. Als ein gutes Argument für Elektroautos führt Ghosn an das Kunden, die einmal solche ein Fahrzeug gefahren sind, nicht mehr wieder zurück auf ein Benzin oder Diesel Fahrzeug wechseln möchten. Da Elektroautos wesentlich leiser und laufruhiger zu fahren sind.

Einen weiteren Aspekt den Ghosn auf der LeWeb diskutiert hat war die Nutzung von Apps im Fahrzeug, ähnlich wie beim iPhone. Hier wären die Fahrzeughersteller gerne weiter, eines der Hauptprobleme ist aber die Sicherheit des Fahrers und der Insassen. Ghosen sagte, dass je weiter sie die Elektronik für Drittanbieter öffnen, umso stärker ist auch die Gefahr, dass damit weitere Ablenkungen für den Fahrer geschaffen werden.

Nach der Präsentation gab es noch eine kurze Gesprächsrunde mit Carlos Ghosn. Hier erzählte Ghosn das Kunden zwar die Möglichkeit haben Online Fahrzeuge zu kaufen, bei Nissan und Renault lernen sie aber gerade, dass der Kunde den eigentlichen Kauf im Autohaus bevorzugt, da er das Fahrzeug nur dort auch live erleben kann. Sicher ein interessanter Punkt für alle Autohäuser.

Abschließend bleibt festzustellen, dass Carlos Ghosn wirklichen einen interessanten Einblick in die Welt von Renault und Nissan gibt. Während seines Vortrages wird auch schnell klar warum er an der Spitze dieses Konzerns steht. Wer den kompletten Vortrag in englisch sehen möchte, kann dies hier tun:

http://www.ustream.tv/recorded/11317592

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Eine Antwort zu “Carlos Ghosn, CEO von Renault & Nissan, zur Zukunft des Automobils”

  1. Dr. Norbert Reschmeier Antwort Dezember 11, 2010 um 9:31 pm

    Worte… ob auch Taten folgen?
    Immer noch ist die Automobilindustrie auf Verkaufszahlen von Neuwagen fixiert, das wars
    dann.
    Handel und Service der Branche finde ich als Kunde vergleichsweise inkompetent und die Gesellschaft soll Infrastruktur und Folgekosten tragen, während die Hersteller den Rahm abschöpfen.
    Kein Wunder, wenn dieses Modell immer mehr Menschen dem Automobil entfremdet…

    Höchste Zeit wäre es, daß der weitere Lebensweg der Produkte von den Produzenten positiv
    begleitet würde: etwa begünstigte markengebundene Parksysteme? Oder Strassenbau-Sponsoring?
    Bilder von Traum-Autos auf leeren Traum-Strassen, Traum-Lebenswelten mit SUV als Abenteuervehikel, Freiheit auf vier Rädern, das ist die Werbung, und nach dem Kauf dann
    – bumms – Parkplatznot, Stau und Verkehrshektik, Paragraphendschungel, Umweltfrust,
    Sozialneid, eine ernüchternde Realität statt des verheissenen Schlüssels zum Paradies.

    Auch ich habe meine automobilen Träume ausgelebt, als es noch einfach war.
    Jetzt macht mich der erreichte Stand von Auto und Verkehr eher ratlos als glücklich und
    zufrieden.

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